Die Deutschen gehören zu den Tourismusweltmeistern. Kaum einer verreist so viel. Heute wächst eine neue Generation von Kosmopoliten heran, die global denkt und lokal handelt. Ein Grund für ihre offene, pluralistische Haltung ist ihre zunehmende Mobilität. Menschen, die reisen, hinterfragen eher die eigene Sozialisation und Weltsicht. Für die meisten 18- bis 30-Jährigen sind regelmäßige Reisen völlige Normalität. Weil das so ist, ändern sich aber auch die Reisebedürfnisse. Es geht um Erlebnisse, Erfahrungen und Emotionen. Tourismus wird zur kreativsten Möglichkeit von Mobilität.

Erleben ist das neue Erholen

Der heutige Tourist tummelt sich in abgeschotteten Tourismuswelten. Durch die Globalisierung werden sich diese Welten immer ähnlicher. Das gilt vor allem für die Freizeitgesellschaft. Sie gleicht sich auch in weit voneinander entfernten Regionen an. Aus diesem Grund wollen immer mehr Reisende keine „Touristen“ mehr sein. Die Tourismusbranche steht vor einem disruptiven Wandel. Tourismus hat einst den Begriff des „Fremdenverkehrs“ abgelöst. In Zukunft geht es um „Hospitality“ und „Communities“. Gerade in einer digitalen Welt ist es die menschliche Begegnung, sind es emotionale Erlebnisse, die wieder wichtig werden und den Unterschied machen.

Es geht darum, die Lebensqualität der Gäste zu verbessern und damit ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis zu befriedigen – Erholung, Inspiration, Freunde treffen und mit ihnen eine schöne Zeit verbringen.

Das Leben der Menschen ist längst zu einem Alltagstourismus geworden. „Touristification“ nennt das Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Und wo der Alltag touristisch – also vom ständigen Verschieben von Ort und Zeit – geprägt ist, sehnt man sich nach Reisen an Orte, an denen man ankommt.

Slow Culture: Nicht alles wird schneller

Doch während der Mobilitätsaufwand steigt, wird die Zukunft nicht zwingend schneller. Jahrzehntelang war das Streben nach Fortschritt vom Glauben an Beschleunigung bestimmt. Wer im Wettbewerb halbwegs bestehen will, muss schnell, wer siegen will, der Schnellste sein. Wer die eigene Entwicklung voranbringen möchte, sollte die Zeit so effizient wie möglich nutzen. Entscheidungen im Management, Innovationsprozesse, Immobilienprojekte, kreative Geistesblitze und vor allem beim Reisen – wenn etwas zu lange dauerte, war es schlecht. Doch die typische Steigerungslogik der alten Industriegesellschaft wird zunehmend hinterfragt. „Immer mehr, immer höher, immer weiter, immer schneller“ – allmählich wird klar, dass dieses Prinzip nicht mehr unbedingt zum Ziel führt.

Einiges spricht dafür, dass das Zeitalter, in dem allein das Tempo den Pulsschlag der Ökonomie bestimmte, zu Ende geht. Im Jahr 2040 werden wir in einer neuen Ära der Achtsamkeit angekommen sein, in der Schnelligkeit längst nicht mehr überall das Maß der Dinge ist. Gerade in der Freizeit und beim Reisen macht sich Entschleunigung bemerkbar. Nicht das Höchsttempo bestimmt die mobile Gesellschaft von morgen, sondern die Art der Fortbewegung und wie wir tatsächlich „am besten“ ans Ziel kommen.

Beim Reisen etabliert sich jenseits von Pauschalurlaub, Massentourismus und Jetset-Mythos allmählich Slow Travel als erfolgreiche neue Form von Erlebnisreisen.

Sicherheit wird zum strategischen Thema

Sicherheit beim Reisen ist seit jeher ein zentrales Bedürfnis der allermeisten Menschen. Sie bekommt aber in Zukunft neue Bedeutung. Denn während der Verkehr auf den Straßen immer sicherer wird, ist die Welt des Tourismus in den vergangenen zehn Jahren immer unsicherer geworden.

Humanitäre Katastrophen, globale Krisen und politische Instabilität bis hin zu Kriegen haben dafür gesorgt, dass Länder und Regionen, die lange Zeit zu sicheren Destinationen zählten, von der Landkarte des Tourismus gestrichen werden mussten. Internationaler Terrorismus ist ein schwer kalkulierbares Risiko geworden, von dem auch europäische Länder und Metropolen nicht verschont bleiben.

Fragen der Sicherheit werden daher zu einem strategischen Thema: Die tatsächliche Sicherheit, aber auch subjektiv wahrgenommene wird immer mehr das Reise- und Mobilitätsverhalten bestimmen. Wohin und wie Menschen künftig (noch) sicher verreisen können, wird zur zentralen Aufgabe von Reiseveranstaltern und Mobilitätsdienstleistern.

Bild: Outstanding in the Field